Programm, Archiv & Mitschnitte

17. Oktober 2018: Antisemitismusdebatten in der deutschen Linken

Vortrag mit Peter Ullrich

Kaum eine andere Auseinandersetzung hat in der deutschen Linken in den vergangenen Jahren so polarisiert wie die Debatte um Antisemitismus und den Nahostkonflikt. Welche Positionen treffen dabei aufeinander und weshalb scheinen sie ausgerechnet bei diesem Thema so unversöhnlich zu sein? Welches Verständnis von Antisemitismus liegt den jeweiligen Positionen zugrunde? Peter Ullrich beleuchtet neue Perspektiven: Einerseits haben Lernprozesse der vergangenen Jahrzehnte dazu geführt, dass die linke Nahost- und Antisemitismusdebatte in Deutschland heute komplexer ist denn je. Andererseits bleiben doch die Gefahren für eine universalistische linke Position erkennbar. Immer wieder droht der Umschlag ins Partikulare, sei es in Form von Antisemitismus, Rassismus, Islamfeindlichkeit oder extremer Überidentifikation mit Konfliktakteuren. Aus wissenssoziologischer und diskursanalytischer Perspektive untersucht der Autor verschiedene Aspekte linker Antisemitismus- und Nahostdebatten in Deutschland.

 

19. September 2018: Vom Streik zur Revolution: Der November 1918

Vortrag mit Ralf Hoffrogge

Soldatenräte tagen im Reichstag, Arbeiterräte regieren im Abgeordnetenhaus – vor 100 Jahren war genau das Realität in Berlin. Eine sozialistische Rätebewegung hatte den Kaiser gestürzt und das Ende des ersten Weltkrieges erzwungen.

Einer der führenden Köpfe dieser Bewegung war Richard Müller. Seit 1914 im Widerstand gegen den Krieg aktiv, organisierte er mit seiner Gruppe der “Revolutionären Betriebsobleute” Massenstreiks in Rüstungsbetrieben und bereitete die Novemberrevolution vor. Nach dem 9. November 1918 übernahm Müller den Vorsitz des Berliner Vollzugsrates der Räte. Durchsetzen sollten sich freilich andere: Durch ein Bündnis aus Sozialdemokratie und Armeeführung wurde die Rätebewegung unterdrückt und ihre Strukturen zerschlagen.

Die Revolutionären Obleute wehrten sich gegen den Reformismus der SPD, aber auch gegen den autoritären Kurs der KPD. Im Kalten Krieg der Erinnerung wurden sie daher in BRD und DDR gleichermaßen verdrängt. Seit der Öffnung der Archive ab 1989 und insbesondere seit dem 90. Jahrestag der Revolution sind jedoch eine Reihe neuerer Studien erschienen, die unser Bild von der Novemberrevolution erweitern.

Wir diskutieren mit Ralf Hoffrogge, Autor von “Richard Müller – der Mann hinter der Novemberrevolution”, 2. Auflage Berlin 2018.

 

15. August 2018: Repression und Überwachung – Das neue Polizeigesetz in NRW

Vortrag mit dem Arbeitskreis Zu Recht aus Münster

Die schwarz-gelbe Landesregierung in NRW bedient die Ängste, die sie im Wahlkampf selbst geschürt hat und plant eine heftige Verschärfung des Polizeigesetzes nach dem bayrischen Vorbild. Noch im Juli sollten die Gesetzesänderungen verabschiedet werden. Die bereits bestehenden Befugnisse der Polizei, einzuschreiten bevor überhaupt etwas passiert ist, werden dadurch stark ausgeweitet – auf Kosten der Freiheit aller Menschen.

Wie fügt sich das Vorhaben in den derzeitigen Sicherheitsdiskurs ein? Was kommt da auf uns zu? Was bedeutet der neu eingeführte Begriff der “drohenden Gefahr”? Welche Gefahren ergeben sich daraus wiederum für jede*n Einzelne*n von uns, für unseren Alltag und unsere politische Praxis? Wie reagieren wir auf diese Einschränkung unserer Rechte?

Diese und andere Fragen wollen wir mit euch diskutieren. Wir – das ist der AK Zu Recht und andere Personen, die sich in der Kampagne gegen das neue Polizeigesetz engagieren. Es ist klar: Die Neuerungen werden uns alle treffen. Klar ist aber auch: Einige werden davon besonders betroffen sein. Diesen Menschen muss unsere Solidarität gelten.

 

18. Juli 2018: 68er-Fundamentalopposition und die Neue Linke in Deutschland

Vortrag mit Gerhard Hanloser

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Revolte von 1968 bietet der Vortrag von Gerhard Hanloser einen Überblick über die Bewegungen der “Neuen Linken” und den gesellschaftlichen Kontext, aus dem sie entstanden. Er zeichnet anhand einer kritischen Aufarbeitung ihrer wichtigsten Literatur ihre zentralen Themen, Forderungen und Konfliktfelder nach.

Die wichtigsten Schriften und Proklamationen der “Neuen Linken” transportierten eine radikale Unversöhnlichkeit mit dem Bestehenden und entwarfen Utopien einer anderen, herrschaftsfreien Gesellschaft. Als “Lesebewegung” verschlangen die 68er die Befreiungstheorien von Herbert Marcuse, Marx und Mao, Alexandra Kollontai, Wilhelm Reich und Frantz Fanon. Als Teil eines “oppositionellen Theoriemilieus” rangen Rudi Dutschke, Hans Jürgen Krahl, Ulrike Meinhof, Reimut Reiche und Karl Heinz Roth um den richtigen begrifflichen Zugang zu Geschichte und Gegenwart der Gesellschaft, um sie radikal zu verändern. In Kommunen, mit Betriebsarbeit und “bewaffnetem Kampf” sollte dies als Fundamentalopposition bewerkstelligt werden.

Diskutiert werden soll im Vortrag auch die Frage, was von der linken Revolte bleibt angesichts einer neuen rechten “APO”, die einige der Provokationsstrategien der 68er aufgenommen zu haben scheint.

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20. Juni 2018: Der bewaffnete Kampf der radikalen Linken am Beispiel der „Roten Zora“

Der so genannte Deutsche Herbst markierte 1977 den Höhepunkt des Konflikts zwischen dem westdeutschen Staat und bewaffneten linken Gruppen. Anlässlich des 40. Jahrestags wurde zuletzt auch in linken Blättern und bürgerlichen Medien wieder verstärkt über den bewaffneten Kampf linker Gruppen in Deutschland berichtet. Am Beispiel der Gruppe „Rote Zora“ wird Katharina Karcher, die seit einigen Jahren zur Geschichte des militanten Feminismus forscht, den Fragen nachgehen, warum sich in den 1970er Jahren linke Gruppen zum bewaffneten Kampf entschlossen haben, wie die Ziele und Strategien dieser Gruppen aussahen und welche Lehren die Linke heute noch aus diesen Erfahrungen ziehen kann. Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte, die Organisation und die Positionen der „Roten Zora“ veranschaulicht sie an Beispielen, wie kontrovers die Aktionen der Gruppe in der Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre diskutiert wurden.

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16. Mai 2018: „Größtmögliche Aufklärung“? – Der NSU-Komplex und Nordrhein-Westfalen

In seinem Bekennervideo erklärt der „Nationalsozialistische Untergrund“
(NSU) sich für zu drei Anschläge den NRW verantwortlich: für die
Bombenexplosion im Januar 2001 in einem Lebensmittelgeschäft in der
Kölner Probsteigasse, bei der eine junge Frau schwer verletzt wurde; für
den Nagelbomben-Anschlag, der im Juni 2004 in der Kölner Keupstraße 22
Menschen verletzte; und für die Ermordnung von Mehmet Kubaşık im April
2006 in Dortmund. Neben dem Strafprozess vor dem Oberlandesgericht
München haben sich mittlerweile 13 Parlamentarische
Untersuchungsausschüsse mit diesen und den weiteren dem NSU
zugeschriebenen Taten beschäftigt. Das Wissen über den NSU-Komplex hat
sich stark vergrößert, aber noch immer sind zahlreiche Fragen,
beispielsweise zur Auswahl der Mordopfer oder zur Unterstützung durch
lokaler Helfer in den Tatortstädten, offen. Dies liegt u.a. daran, dass
sich Bundesanwaltschaft früh auf die These eines abgeschotteten Trios
festgelegt hat, was die Ermittlungen nach dem 4. November 2011
beeinträchtigt hat. Zugleich verweigern sich die
Verfassungsschutzbehörden seit Beginn der NSU-Selbstenttarnung der
Aufklärung des Komplexes, in dem sie Akten vernichten ließen, Einfluss
auf die Ermittlungen nahmen und die Untersuchungsausschüsse nur
lückenhaft informierten.

Der Referent wird, gestützt auf die Erkenntnisse des
Untersuchungsausschusses sowie des Münchener Prozesses, den neusten
Erkenntnisstand zu den Taten des NSU in Nordrhein-Westfalen darstellen
und offene Fragen benennen. Dabei wird er ein besonderes Augenmerk auf
den Bombenanschlag in der Probsteigasse und die Hinweise auf mögliche
Unterstützer aus der Neonazi-Szene in Dortmund und Kassel legen.

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9. Mai 2018: 92/93 : Medien, Macht und Mob – Zur rechten Mobilmachung im wiedervereinigten Deutschland und dem Brandanschlag von Solingen 1993

Vortrag und Diskussion mit dem Soli-Komitee Wuppertal

Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, die Ortsnamen sind im Gedächtnis. Doch wieviel ist noch bekannt zu den Jahren Anfang der Neunziger, in denen sich eine rechte Allianz aus Medien, Macht und Mob aufmachte, kurz nach der Wiedervereinigung den Diskurs über Zuwanderung zu bestimmen und eine Neuverortung des wieder großen Deutschland vorzunehmen ? Mit einer Steigerung rassistischer Gewalt und prompt erfolgenden Reaktionen aus Politik und Medien wurde eine Linie gezogen, die Anfang 1993 schließlich zu einer vorher kaum für möglich gehaltenen Grundgesetzänderung führte. Mit den Stimmen der oppositionellen SPD wurde das nach den Erfahrungen des Nationalsozialismus im Grundgesetz verankerte Recht auf Asyl geschliffen. Das heute geltende System der deutschen Abschottung vor Flüchtenden mithilfe des berüchtigten « Dublin»-Systems nahm seinen Anfang. Nur drei Tage nach der Entscheidung über die Einschränkung des Asylrechts brannte das Haus in der Unteren Wernerstraße. Der Brand, der fünf Frauen und Mädchen türkischer Herkunft das Leben kostete, wirkte wie ein Siegeszeichen der damals so genannten Neonazis, die die Änderung des Asylrechts als Erfolg ihrer Gewalt deuteten.

Wie war das 1992/93 ? Wie fühlte es sich damals an, als Neonazis nicht vor Mord und bürgerliche Rechte nicht vor dessen Instrumentalisierung zurückschreckten ? Welche Bedeutung hatte der Brand in der Nachbarstadt für die migrantische Bevölkerung in Wuppertal und was haben die heute aktiven Nazis mit den damaligen Ereignissen zu tun ? Mit der Veranstaltung sollen sowohl ein sachlicher Überblick über die damaligen Geschehnisse als auch ein Einblick in persönliche Erfahrungen damals in verschiedenen Strukturen aktiver Menschen gegeben werden.

 

18. April 2018: „Wir sind die Jugend ohne Migrationshintergrund!
Die »Identitäre Bewegung« auf dem Weg zur extrem rechten Jugendbewegung?

Vortrag und Diskussion mit Tim Ackermann

Die »Identitäre Bewegung« in Deutschland wächst. Sie gilt als jüngste subkulturelle Phänomen der extremen Rechten. Mit ihrem modernen und aktionistischen Auftreten sowie einer zeitgemäßen Sprache gelingt es ihr, völkischen Nationalismus wie Rassismus stilistisch hip zu verpacken und Jugendliche wie junge Erwachsene anzusprechen.
Auch in NRW hat sich in den letzten Jahren eine »Regionalgruppe« der »Identitären Bewegung« gebildet, die zunehmend handlungsfähiger wird. So fand Anfang Februar 2018 der erste »Rheinkongress« der »Identitären Bewegung NRW« statt, auf dem sich die mittlerweile rund ein Dutzend »Ortsgruppen« vernetzten und künftige Strategien diskutieren konnten. Daneben agieren diese »Ortsgruppen« in ihren Städten und an den jeweiligen Universitäten zunehmend mit verschiedenen Aktionen in der Öffentlichkeit.

Bei der Veranstaltung werden wir uns mit der Entstehung dieses Netzwerks, ihren Handlungsfeldern und Aktionsformen beschäftigen. Wir werden schauen, welche menschenverachtenden Weltbilder diese Bewegung vertritt und welche Stilistik und Rhetorik sie dabei benutzt. Insbesondere werfen wir einen Blick auf die Aktivitäten der lokalen und regionalen Strukturen der »Identitären Bewegung« und ihre jeweiligen Aktionen.
Im Anschluss an den Vortrag wird es Raum für Austausch und Diskussion geben.

 

21. März 2018: Feministische Ökonomiekritik – oder Wer/Wie kocht und pflegt hat System!

Vortag und Diskussion mit Ann Wiesental (Netzwerk Care Revolution)

Die kapitalistische Logik spaltet nicht nur Menschen in Ausgeschlossene und Verwertbare, sie spaltet auch die Tätigkeiten und Arbeiten in abgespaltete und kapitalisierte. Damit baut sie neben dem gewaltsamen Ausschluss der »Überflüssigen« und dem Einschluss der Verwertbaren auch auf die Frauisierung von Tätigkeiten, die unbezahlt und unsichtbar ins Private gedrängt werden und die Kapitalisierung von Tätigkeiten, was sich zur Zeit auch verstärkt in Bereichen der sozialen Reproduktion, wie Gesundheitsversorgung und Pflege, zeigt. Feministische Ökonomiekritiker_innen thematisieren diese Logik unter dem Schlagwort Krise sozialer Reproduktion und zeigen so auf, dass die systemimmanten, kapitalistischen Widersprüche zwischen Profitmaximierung und sozialer Reproduktion nie zu einem guten Leben für alle Menschen führen können. Denn es ist im kapitalistischen System angelegte, dass soziale Reproduktion (Gesundheitsversorgung, Pflege, Kinderbetreuung, Assistenz, Bildung) nicht im Zentrum steht und es eine bedürfnisorientierte Versorgung für alle im Kapitalismus nicht geben kann. Als Antwort ruft das Netzwerk Care Revolution zu Care-Kämpfen auf.

 

21. Februar 2018: Widersprüche und Fallstricke des linken Nationalismus am Beispiel Kataloniens

Vortrag und Diskussion mit Thorsten Mense (Autor des Buches “Kritik des Nationalismus”)

Wenn man die alltägliche Gewalt und die Massengräber des Nationalismus
betrachtet, verwundert es, dass es auch heute noch linke Bewegungen
gibt, die im Nationalismus das Instrument zur Befreiung sehen.
Tatsächlich stand hinter dem Konzept der Nation historisch aber auch
eine emanzipatorische Idee: Es ging es darum, UntertanInnen unabhängig
von Herkunft und Stand zu gleichen und freien BürgerInnen zu machen.
Bekanntermaßen ist daraus nichts geworden. Stattdessen wurde
Nationalismus zur Herrschaftsideologie, zur Grundlage für die
Legitimation des Ausschlusses und der Gewalt gegenüber den »Anderen«.
Trotzdem hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg jede Revolution in
nationalen Begriffen definiert. Und während in Deutschland
»nationalistisch« mit rechtem Denken verbunden wird, gilt der Begriff in
anderen Teilen der Welt als antiimperialistische Strategie
emanzipatorischer Kämpfe und linke Selbstbezeichnung.

In Katalonien existiert schon seit Jahrzehnten eine große
linksnationalistische Bewegung, die gegen den spanischen Zentralstaat
und für die ‘Nationale Befreiung’ Kataloniens kämpft. In den letzten
Monaten ist der Konflikt zwischen der spanischen Regierung und den
katalanischen SeparatistInnen eskaliert. Viele Linke sehen im
katalanischen Nationalismus eine Bewegung für die Demokratisierung
Spaniens und Europas, oder gar für die soziale Revolution, und fordern
Solidarität ein. KritikerInnen wiederum betonen, dass die katalanische
Massenbewegung soziale Kämpfe in nationalistische Bahnen lenkt und
verweisen auf das regressive Potential, wenn Kultur und Sprache als
Legitimation für politische Forderungen verwendet werden.

Tatsächlich bleiben viele Fragen offen bezüglich des katalanischen
Befreiungsnationalismus: Wohlstandsseparatismus oder demokratischer
Aufstand? Wer soll da eigentlich von wem befreit werden? Was bedeutet
es, dass sowohl katalanische Kommunist_innen als auch deutsche Nazis ein
»Europa der freien Völker« fordern? Und warum bringt der katalanische
Nationalismus weit aus mehr Menschen auf die Straße als die gesamten
sozialen Kämpfe der vergangenen Jahre?

Audiomitschnitt (MP3)

 

17. Januar 2018: Was hatten die, was wir nicht haben?
Erfolgsfaktoren der Bolschewiki vor der Oktoberrevolution

Vortrag und Diskussion mit Rüdiger Mats

Lenin! Trotzki! Kollontai! Die bolschewikischen Genossen sind für die radikale Linke hier und heute ungefähr das, was Pippi Langstrumpf für wohlerzogene Bürgerkinder ist: Irgendwie wäre man auch gerne ein bisschen so; man findet’s krass, was die sich alles getraut und auf die Reihe bekommen haben – aber wenn etwas klar ist, dann das: Mit dem eigenen realen Leben haben die Erzählungen von 1917 nicht viel zu tun.

Dabei ist die Oktoberrevolution auch für linke Nicht-Leninisten ein notwendiger Bezugspunkt. Zum einen muss jede vernünftige linksradikale Strategie in dem Bewusstsein entwickelt werden, wie und warum der Realsozialismus eigentlich so in die Hose gehen konnte. Aber zum anderen – und das ist das Thema der Abendveranstaltung – ist es eine interessante Frage, wie eine Splittergruppe wie die Bolschewiki es schaffen konnte, nicht nur die Regierungsgewalt zu übernehmen, sondern zumindest direkt davor und danach wesentliche gesellschaftliche Gruppen von ihrem Vorhaben zu überzeugen. Immerhin in dieser Hinsicht hatten sie der gegenwärtigen radikalen Linken etwas voraus.

Schon mal vorweg: Das hat viel mit den Niederungen konkreter Politik zu tun und recht wenig mit der Diskussion abstrakter Konzepte wie „Räte vs. Partei“ oder so. Gerade über letzteres diskutieren Linke aber besonders gerne, was wenig über den Roten Oktober aussagt und viel über linksradikale Erfolglosigkeit.

Audiomitschnitt (MP3)

 

20. Dezember 2017: Der Diskurs um Geflüchtete und sexualisierte Gewalt.

Mit Dr. Mithu Sanyal, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin

Silvester in Köln 2015/16 gilt als Zäsur. Die Übergriffe auf Frauen auf der Domplatte gingen durch alle Medien und um die Welt. Spätestens seitdem ist die Diskussion um Flucht untrennbar mit der Diskussion um sexualisierte Gewalt verbunden. Die Polizeistatistiken sprechen eine andere Sprache. Es gibt nicht mehr Übergriffe von Geflüchteten als aus dem Rest der Gesellschaft. Was bedeutet das für den Alltag? Was sind die politischen Dimensionen dieser Debatte? Und müssen wir vielleicht doch über Sexualität sprechen.

Audiomitschnitt (MP3)

 

15. November 2017: Freiheit oder Barbarei – Plädoyer für eine politische Lösung des Türkei-Kurdistan-Konfliktes

Vortrag und Diskussion mit Roland Röder (Aktion 3. Welt Saar)

Die Türkei nimmt für Deutschland seit der Bismarckzeit und seit der türkischen Staatsgründung im Umfeld des 1. Weltkrieges eine zentrale geostrategische Rolle ein. Daraus resultiert deren politische wie militärische Unterstützung. Seit den 60er Jahren kam es zu einer Migration türkischer und kurdischer „Gastarbeiter“ nach Deutschland und seit dem Militärputsch von 1980 und dem Kampf der kurdischen Arbeiterpartei PKK um mehr Rechte für Kurden kommen Flüchtlinge aus der Türkei.
Als der IS im Kampf um die nordsyrische kurdische Stadt Kobâne im Februar 2015 seine erste militärische Niederlage erlitt, stand die bis dahin auch in Deutschland seit 1993 verbotene PKK und die mit ihr verbündete syrisch-kurdische Partei PYD (Partei der Demokratischen Union) im Mittelpunkt. Sie waren es die, unterstützt von den USA, den IS besiegten und zuvor tausende Yesiden im irakischen Sindschar Gebirge aus den Klauen des IS befreiten.

Die kurdische Seite hat der Türkei in den letzten 20 Jahren Vorschläge für eine politische Lösung gemacht und Zeitungen, TV Stationen und Parteien gegründet. Die Antwort der Türkei: Bomben, Liquidationen von KurdInnen, Zerstörung von über 3000 kurdischen Dörfern, Verbot von Zeitungen, TV Stationen und von kurdischen Parteien. Nur zwischen 2012-2015 verhandelte die türkische Regierung mit der PKK und deren Vorsitzenden Abdullah Öcalan. Sie brach die Verhandlungen ab, nachdem die PKK im Kampf gegen den IS erfolgreich war.

Der Vortrag diskutiert das schwierige Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei, die Rolle der PKK im Kampf gegen den IS und benennt Möglichkeiten für eine politische Lösung des Kurdistan-Konfliktes jenseits einer neuen Staatsgründung und unter Einschluss der PKK. Er beschreibt, was die deutsche Parteipolitik aber auch was deutsche und kurdische NGOs jenseits einer ethnischen Orientierung dazu beitragen können.

 

18. Oktober 2017: „Reichsbürger“ – Verschwörungsideologie mit deutscher Spezifik

Vortrag und Diskussion mit einer Referentin der Amadeu Antonio Stiftung

Nicht erst seit dem Polizistenmord von Georgensgmünd aus dem Jahr 2016 beschäftigen Menschen aus dem Milieu der „Reichsbürger“, „Selbstverwalter“ und „Souveränisten“ Behörden und Verwaltungen. Zunehmend wird einer breiten Öffentlichkeit deutlich, welche Gefahren von diesem bisweilen als „Spinner“ verharmlosten Milieu ausgehen. Kern der Vorstellungswelt dieser Menschen ist der Mythos einer Weltverschwörung gegen die Deutschen, als dessen Ausdruck unter anderen („Lügenpresse“, George Soros) die Bundesrepublik Deutschland (BRD GmbH) wahrgenommen wird.

Der Vortrag gibt Auskunft über die historischen Ursprünge dieses heterogenen Milieus, seine Ideologie und Handlungsformen sowie Handlungsoptionen für zivilgesellschaftliche Gegenwehr.

Audiomitschnitt (MP3)

 

20. September 2017: Der Kronstadtaufstand 1921

Vortrag und Diskussion mit Ewgeniy Kasakow (Uni Bremen)

Der Aufstand der Besatzung der Militärfestung Kronstadt gegen die
bolschewistische Führung in März 1921 und ihre Niederschlagung ist bis heute einer der umstrittensten Ereignisse der Russischen Revolution.
Ein Teil der Linken sah und sieht daran eine der letzten Regungen der Konterrevolution, den anderen gilt es als ein Versuch den Räten zu wirklicher Macht zu verhelfen, einen besseren Sozialismus umzusetzen und die Herrschaft der Bürokratie abzuschütteln.Für die Kritik an der sowjetischen Sozialismusmodell spielte die Debatte um Kronstadt eine außerordentliche Rolle.

Bei der Veranstaltung sollen nicht nur die Vorgeschichte, die Forderungen und der Ablauf des Aufstandes geschildert, sondern die Entwicklung der innerlinken Auseinandersetzungen skizziert werden. Anhand nach der Ende der Sowjetunion zugänglich gewordener Quellen wollen wir prüfen, was an den Vorstellungen von Kritikern und Verteidigern des Aufstandes dran ist.

Audiomitschnitt zum Vortrag: 20. September 2017

 

16. August 2017: Friedensbewegung von rechts?

Ein Gespenst geht um in Deutschland, eine Friedensbewegung von “rechts”. Die AFD warnt vor einer “Kriegstreiberei” gegen Russland, “Montagsmahnwachen” versammeln ein Spektrum ohne Berührungsängste mit Verschwörungstheoretikern und Rechten. Die Publikationen aus diesem Spektrum sind Bestseller. Autoren wie Dr. Daniele Ganser füllen ganze Hörsäle.

Das bleibt nicht ohne Eindruck. Unter der Parole “Stopp Ramstein” sucht Mancher aus dem Spektrum der “traditionellen Friedensbewegung” den Schulterschluss. Wer meint, “ohne deutliche Abgrenzung nach rechts geht Friedensbewegung nicht”, handelt sich den Vorwurf ein sektiererisch zu sein. Auch ideologisch gibt es Annäherungen: die “Souveränität der Staaten” sehen die einen durch ein “Imperium USA” bedroht, das sich nicht ans Völkerrecht hält, die anderen durch offene Grenzen und Zuwanderung.

Über “falsche Friedensfreunde” und die Notwendigkeit einer linken Antikriegspolitik diskutieren wir am 16.8.2017 ab 19.00 Uhr im AZ mit Wilhelm Achelpöhler, Mitglied der “Friedensinitiative Pulverturm” aus Münster und Autor u.a. bei “Analyse und Kritik”.

19. Juli 2017: Rechtspopulismus – Konformistische Rebellion der verunsicherten Mitte. Vortrag und Diskussion mit Jens Benicke

In den letzten Jahren haben sog. rechtspopulistische Parteien und Bewegungen einen scheinbar unaufhaltbaren Aufstieg erlebt. In zahlreichen Ländern, wie Russland, Ungarn, Polen, der Türkei und den USA konnten sie die Regierung übernehmen. In Frankreich und den Niederlanden wurde dies nur knapp verfehlt. Großbritannien wurde durch eine aggressive Kampagne gegen Migrantinnen und Migranten in den Austritt aus der EU getrieben und auch hierzulande können die sog. „Alternative für Deutschland“ und PEGIDA die öffentliche Debatte über Flucht und Migration bestimmen und die etablierten Parteien vor sich hertreiben.
Doch wie lässt sich diese globale autoritäre Entwicklung analytisch fassen? Ist der Begriff des Rechtspopulismus dafür überhaupt tauglich? Oder verharmlost er diese Erscheinungen? Müsste nicht eher von Autoritarismus, Rechtsextremismus oder gar Faschismus gesprochen werden?
Ziel des Vortrages ist es, einige Erklärungen für den aktuellen Erfolg des Rechtspopulismus zu liefern. Dabei soll gezeigt werden, welche Bedeutung die globale Krise für den Vormarsch der rechten Parteien und Bewegungen hat. Denn die durch die Krise ausgelösten Abstiegsängste und Unsicherheiten setzen in der „verunsicherten Mitte“ der Gesellschaft ein autoritäres Potenzial frei, das die Basis bildet für den Aufstieg des Rechtspopulismus. Unter Rückgriff auf die Theorie des autoritären Charakters soll aufgezeigt werden, wie die bislang unterdrückten und nur im privaten Umfeld geäußerten Ressentiments nun öffentlich artikuliert werden können. Aus dem Meckern am Stammtisch wird so eine konformistische Rebellion der autoritären Persönlichkeiten auf den öffentlichen Plätzen, in der Wahlkabine und im Parlament.

Es spricht Jens Benicke, von dem 2016 die 2. Auflage von „Autorität & Charakter“ bei Springer VS erschienen ist.

21. Juni 2017: Kritik der Anthroposophie und Waldorfpädagogik

Hautcreme für Babypopos von Weleda, biologisch-dynamische Karotten der Marke Demeter, Rudolf-Steiner-Brot im Naturkostladen und die Waldorfschule basieren auf der Anthroposophie. Der Journalist Peter Bierl beschäftigt sich in seinem Vortrag mit dieser okkulten Weltanschauung und ihrem Gründer Rudolf Steiner. Der Mann präsentierte sich als Hellseher und wurde von Anhängern als „Menschheitsführer“ und Wiedergeburt von Aristoteles verehrt. Steiner war überzeugt, dass nur die „weiße Rasse“ am Geiste schafft, während Schwarze überhitzte Triebwesen seien und Juden zersetzend wirkten. In der Welt der Anthroposophen spuken Engel und Dämonen, Volks- und Rassengeister, finden sich Versatzstücke aus Buddhismus, Hinduismus und Christentum mit Darwinismus und Kulturpessimismus. Heute erklären Anthroposophen die Reaktorkatastrophe in Fukushima als karmischen Ausgleich. Solche bizarren Vorstellungen prägen sowohl die Waldorfschule, ihre Grundlage ist die Idee von Reinkarnation und Karma. Lehrer werden nach den Ideen Steiners ausgebildet. In einem Buch, das zur Unterrichtsvorbereitung empfohlen wurde, heißt es: „Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden.“

Peter Bierl ist freier Journalist und lebt in der Nähe von München. Er schreibt u.a. für Konkret, Jungle World und Rechter Rand. Er ist Autor von „Grüne Braune: Umwelt-, Tier- und Heimatschutz von rechts“ (Unrast-Verlag 2014), „Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismuskritik von rechts: Der Fall Silvio Gesell“ (Konkret-Verlag, 2012) sowie „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister. Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik“ (Konkret, 2005)

 

17. Mai 2017: Anarchafeministinnen: Die Mujeres Libres im Spanischen Bürgerkrieg.

Vortrag von Vera Bianchi

Die Gruppe „Mujeres Libres“ (Freie Frauen) wurde im April 1936, also drei Monate vor Beginn des Spanischen Bürgerkriegs, gegründet. Durch den in der CNT herrschenden Sexismus enttäuscht, kamen die Gründerinnen zu der Überzeugung, dass es zumindest temporär notwendig sei, sich in einer Frauengruppe zu organisieren. Mit der Gruppe verfolgten sie zwei Ziele: „captación“ – Frauen für die anarchistische Bewegung zu begeistern und zu gewinnen – und „capacitación“ – die Befähigung (Bildung und Ausbildung) der Frauen. Dadurch sollten die Frauen wirtschaftlich unabhängig werden – als Grundlage für die geistige Emanzipation. Nach den Mujeres Libres befand sich die Frau in einer dreifachen Sklaverei: als Arbeiterin, als Hausfrau und Mutter und als Unwissende. Während des Spanischen Bürgerkriegs (18.7.1936-1.4.1939) wuchs die Gruppe auf ungefähr 20.000 Mitglieder in über 160 Ortsgruppen an und unterstützte die republikanische Seite auf vielfältige Weise: sowohl als Kämpferinnen an der Front als auch im Hinterland durch Organisierung von Bildungs- und Ausbildungskursen, Kindergärten und Volksspeiseräumen. Die Mujeres Libres hielten die soziale Revolution nur für machbar durch die Verbindung von Anarchismus und Feminismus.

 

19. April 2017: Die AfD vor der nordrhein-westfälischen Landtagswahl – ein Überblick über das Wirken und Innenleben einer rechtspopulistischen Partei

Nach der Landtagswahl im kommenden Mai könnten zwischen 20 und 30 Abgeordnete der AfD im Düsseldorfer Landesparlament sitzen. Bei ihrer Gründung vor dreieinhalb Jahren war die selbst ernannte „Alternative für Deutschland“ eine gesellschaftspolitisch konservative und wirtschaftspolitisch neoliberale Partei, die sich zwar rechtspopulistischer Argumentationsweisen bediente, ohne dass dies aber
das bestimmende Element der Partei war. Inzwischen ist die AfD zur durchgehend rechtspopulistischen Partei geworden, die ihr
Gründungsthema, den Kampf gegen den Euro, längst ergänzt und ersetzt hat durch Parolen gegen Geflüchtete, gegen Islam und gegen eine supranationale Politik. Inzwischen sucht und findet sie die Zusammenarbeit mit extrem rechten Formationen wie der „Freiheitlichen Partei Österreichs“ oder dem „französischen Front National“. Wer sind die Akteur_innen, die die Rechtsentwicklung der AfD vorangetrieben haben? Und wie ist die stetig weiter nach rechts gedriftete AfD einen Monat vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen aufgestellt?

 

15. März 2017: „Graue Wölfe“ und türkischer Nationalismus in Deutschland

Vortrag mit Alia Sembol, Fachinformationsstelle gegen Rechtsextremismus in München (firm).

Ankündigungstext folgt in Kürze

 

15. Februar 2017: Syriza – Etwas besseres als Sachzwang?!

Dilemmata emanzipatorischer Praxis in Zeiten der Krise
Vortrag und Diskussion mit John Malamatians und Jorge Puleaux
Vor nur anderthalb Jahren feierte ein breites Spektrum der europäischen Linken euphorisch den Wahlerfolg von Syriza. Man erwartete Politisierungen auch über Griechenland hinaus, denn die Chancen für Kapitalismuskritik schienen kaum je besser zu stehen. Umso nüchterner bilanziert der Publizist und Aktivist John Malamatinas nach der Wiederwahl von Alexis Tsipras: „Wer in kurzer Zeit die Macht ergreifen möchte, um die Gesellschaft zu verändern, verändert hauptsächlich sich selbst. Das ist kein Affront gegen Syriza-Anhänger, sondern die Realität des politischen Geschäfts.“ Zugleich habe ja auch niemand „eine direkte Einführung des Sozialismus erwartet. Wer Syriza wählte, wusste, was er bekommt: die Hoffnung auf eine sozialere Verwaltung der Krise“. Der Hoffnungsträger Tsipras wurde nach dem Kurswechsel seines Bündnisses selbst zum Verwalter von Sachzwängen.
Die Zeit der breiten sozialen Bewegung scheint in Griechenland vorbei. Auch die von vielen gepriesene Selbstorganisierung erreicht ihre Grenzen. Zu diskutieren ist, welche Lehren aus der griechischen Tragödie auch für eine linksradikale Praxis hierzulande gezogen werden können.
John Malamatians und Jorge Puleaux werden versuchen die aktuellen Dilemmata linksradikaler Politik in Griechenland vorzustellen. Sie sind auf der Suche nach emanzipatorischen Potenzialen staatsferner Bewegungen und kritisieren nationalistische Formen der Krisenbearbeitung.

 

18. Januar 2017: „Schwule Fotzen!?“ Sexismus, Homophobie und Selbstermächtigung im Fußball

Obwohl Gleichberechtigung heute kein Fremdwort mehr ist, viele Frauen und Queers ihren Platz im Stadion scheinbar gefunden haben, zeigt sich oft genug ein anderes Bild: Der Vortrag wird sich anhand verschiedener Beispiele mit der Problematik von Sexismus und Homophobie im Fußball- und Stadionkontext beschäftigen. Es wird den Fragen nachgegangen, in welcher Form Frauen an unterschiedlichsten Standpunkten mit Vorurteilen und Abwertungen begegnet wird, wie und warum aber auch gegnerischen Fans, Teams oder Schiris gerne sexistische und homophobe Sprüche an den Kopf geknallt werden. Was das alles mit gesellschaftlichen Bildern von Geschlecht zu tun hat und welche Möglichkeiten Fans bereits gefunden haben, um Beleidigungen, Abwertungen und einem unangenehmen Klima entgegenzuwirken, wird an diesem Abend herausgearbeitet

 

21. Dezember 2016: Kritik am Militarismus – am Beispiel der NATO

Staaten schlagen und vertragen sich, und der Zusammenschluss mehrerer zu einem Militärbündnis spiegelt beides wieder. Die NATO, das nordatlantische Verteidigungsbündnis, entstand unter einer anderen Gemengelage als der heutigen. Zunächst als gemeinsame Verteidigung gegen ein sich postnazistisch möglicherweise wieder gegen seine Nachbarn erhebendes Deutschland gegründet, war die NATO bald schon nicht mehr wiederzuerkennen. Ihre neue Rolle als Bündnis gegen den Ostblock brachte eine schnelle Mitgliedschaft Deutschlands mit sich, das nun in den gemeinsamen westlichen Machtblock militärisch integriert wurde.
Doch welchen Sinn hat die NATO heute, nach dem Nierdergang der UdSSR? Kann überhaupt von einem westlichen Block mit einheitlichen Interessen gesprochen werden, der mit Hilfe der NATO militärisch abgesichert ist? Immer wiederkehrende Konflikte zwischen gerade deutscher und USamerikanischer Geopolitik treten auch im Bündnis zutage. Und was taugt dieses Bündnis im Kampf gegen den Jihadismus, der sich nicht an Staatsgrenzen orientiert?
Die PR der NATO-Staaten bleibt militaristisch. Antworten auf unsere Fragen können wir von ihr nicht erwarten. Und auch wenn sich die Form und Bewerbung des Militarismus wandelt, bleibt er dem Staat eingeschrieben. Wir wollen aufzeigen, dass Militarismus und Großmachtstreben den Staaten auch heute nicht abzutrennen sind.

 

16. November 2016: Eine Frage des Respekts: Zum Umgang staatlicher Institutionen, Medien und Gesellschaft mit den NSU-Mordopfern, den Hinterbliebenen und den Verletzten

Vortrag und Diskussion mit Kutlu Yurtseven

Kutlu Yurtseven ist tagsüber als Sozialarbeiter in Problembezirken unterwegs, abends steht er auf der Theater-Bühne in Stücken über die Terroranschläge des Nationalsozialtischen Untergrund oder er tritt mit seiner Band Microphone Mafia mit der Familie Bejarano auf. Kutlu Yurtseven war vor zehn Jahren Anwohner der Keupstraße und erzählt über den Anschlag, die Ermittlungen und die Folgen. Er erzählt über die damaligen Geschehnisse in Köln und den Rassistischen Terror des NSU. Wie sind die Ermittlungsbehörden, die Medien und die Politik in der Folge des Nagelbomben-Anschlages in Köln mit den Anwohner_innen umgegangen? Welche Folgen hatte und hat das für die Betroffenen und für die gesamte Community? Was für Wünsche, Hoffnungen und Ängste verbinden die Menschen aus der Keupstrasse nicht nur mit dem Prozess in München? Außerdem wird Kutlu etwas über die Arbeit der Initiative “Keupstraße ist überall” und wie der sogenannte “Tag X” in München sich auf die Keupstraße, die Betroffenen und auf die gemeinsame Arbeit auswirkt hat, erzählen.

 

19. Oktober 2016: Feindbild „Lügenpresse“. Über ein massenwirksames verschwörungstheoretisches Konstrukt

Seit Beginn der rechtsoffenen „Montagsmahnwachen für den Frieden“ und der antimuslimisch-rassistischen Pegida-Demonstrationen sehen sich Journalist*innen neuen Angriffen und Anfeindungen ausgesetzt. Umfragen zufolge glaubt außerdem die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland, dass die Nachrichtenmedien von der Regierung und von Wirtschaftsverbänden gesteuert werden, und dass sie häufig absichtlich die Unwahrheit sagen. Wie steht die rechte Mobilmachung in Verbindung zu diesen Einstellungen? Um sich dieser Frage zu nähern, werden im Vortrag Diskursfragmente aus rechten Internetblogs analysiert. In ihnen offenbart sich als Bezugspunkt für den „Lügenpresse“-Begriff eine umfassende Verschwörungskonstruktion. Zur analytischen Einordnung schlägt der Referent vor, das „Lügenpresse“-Ideologem als paranoischen Diskurs zu verstehen. Dafür macht er einen kulturhistorisch fundierten Begriff des Paranoischen stark, der die Paranoia nicht als das außerhalb Gesellschaft stehende Andere versteht, sondern als besonders starke Ausprägung von bestimmten alltäglichen kulturellen Praktiken und Erzählstrukturen. Diese Anschlussfähigkeit an alltägliche kulturelle Praktiken gilt es zu berücksichtigen, wenn eine Erklärung für den Erfolg des Lügenpresse-Ideologems im Rahmen neuer rechter Organisierung gesucht wird. Mit der Renaissance des paranoisch strukturierten „Lügenpresse“-Vorwurfs kommt daher emanzipatorischen, nicht-verkürzenden Formen der Medienkritik eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zu.

Der Referent Rolf van Raden studierte Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft und Theaterwissenschaft. Arbeitete zehn Jahre lang als freier Journalist, jetzt hauptsächlich in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Er ist publizistisch und wissenschaftlich tätig am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung sowie Mitarbeiter der Linksfraktion im Rat der Stadt Bochum. Wissenschaftliche Arbeitsschwerpunkte: Rassistische Diskurse und gesellschaftliche Ausgrenzung, kritische Psychiatriegeschichte, Biopolitik und Bio-Macht im transdisziplinären Kontext. Veröffentlichungen u.a.: Im Griff der Medien. Krisenproduktion und Subjektivierungseffekte, hg. zus. m. Siegfried Jäger, Münster 2011; Tradierte Aussagesysteme. Psychiatrie und Biomedizin als Diskurs und politische Praxis. In: S. Dickel/M. Franzen/ Ch. Kehl (Hg.): Herausforderung Biomedizin – Gesellschaftliche Deutung und soziale Praxis. Bielefeld 2011; Psychiatrie der Prävention. Diskursverschränkungen von Medizin und Sicherheit. In: Kriminologisches Journal 4/2010; Patient Massenmörder. Der Fall Ernst Wagner und die biopolitischen Diskurse, Münster 2009.

 

21. September 2016: Rechte Mobilisierungen in NRW – Von HOGESA bis AfD

Am 09. Januar 2016 befanden sich unter dem Motto „Pegida schützt!“ fast 1.800 Teilnehmer_innen auf einer Demonstration von Pegida NRW in Köln. „Aufhänger“ waren zahlreiche Fälle sexualisierter Gewalt gegen Frauen in der Silvesternacht. Ein Jahr und drei Monate zuvor war dieselbe Demonstrationsstrecke von etwa 3.000 rechten Hooligans genutzt worden, was mit „Krawallen“ und Angriffen auf Passant_innen, Gegendemonstrant_innen und Journalist_innen einherging. Seit Ende 2014 vergeht kaum eine Woche ohne Aktionen von rechten Akteur_innen in NRW, vom Sprühen von Graffitis über Versammlungen mit rassistischen und antisemitischen Inhalten bis zu Anschlägen auf Asylunterkünfte.
Der Vortrag beschäftigt sich mit den aktuell in NRW auf der Straße und im Netz aktiven Gruppen und deren Protagonist_innen. Er gibt einen Überblick über die verschiedenen Regionen und die dortigen extrem rechten Aktivitäten. Eingebettet wird dies in eine Darstellung der Strategien der verschiedenen (extrem) rechten Akteur_innen.

Zum Referenten: Robin Dullinge ist freier Journalist aus dem Rheinland und berichtet u. A. für sechel.it über rechte Aktivitäten in NRW.

17. August 2016: Die Rote Armee im Ruhrgebiet

Im März 1920 wehten drei Wochen lang rote Fahnen auf den Rathäusern, waren die großen Betriebe besetzt, übten Aktionsausschüsse und Vollzugsräte die Macht im Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet aus. Die Rote Armee aus Angehörigen der Arbeiterbewegung bildete den Kern des Kampfes gegen den reaktionären und militaristischen Kapp-Lüttwitz-Putsch.

Über Hintergründe, Ereignisse Auswirkungen dieser drei Wochen informiert Günter Gleising (Bochum), Autor mehrerer Bücher zum Thema Kapp-Putsch und Märzrevolution 1920. Er wird sich dabei vor allem mit 6 Fragen auseinander setzen:

1. Das Jahr 1920, der Kapp-Putsch und die Reaktionen im Rhein/Ruhrgebiet.
2. Wie entstand die Rote Armee?
3. Wie war deren Organisation und wie erfolgte die politische und strategische Willensbildung?
4. Wie war die Entwicklung der Roten Armee bis Anfang April, Auswirkungen der Bielefelder und Münsterschen Verhandlungen..
5. Das Ende und der weiße Terror
6. Das Märzgefallenengedenken als Bestandteil der Arbeiterkultur

Mit Günter Gleising

 

20. Juli 2016:Kapitalismus, Krise, Behinderung: Ein Streifzug durch die (deutsche) Geschichte

Auf den ersten Blick scheinen Kapitalismus und Behindertenpolitik nicht viel miteinander zu tun zu haben, gibt es doch z.B. in der deutschen Geschichte erhebliche Unterschiede im Umgang mit Behinderung bei wesentlich gleichbleibenden wirtschaftlichen Grundlagen. Ein Zusammenhang wird allerdings deutlich, sobald man „Kapitalismus“ als einen dynamischen Prozess versteht: Dessen Konjunkturen gehen mit gesellschaftlichen Konflikten einher, die auch der Behindertenemanzipation Möglichkeiten eröffnen und Grenzen setzen. Ein Streifzug durch die deutsche Geschichte von der Weimarer Republik bis zur europäischen Austeritätspolitik unserer Tage soll diesen Zusammenhang zeigen. Dabei wird versucht, die zunehmende Verbreitung bestimmter Ideologien (z.B. im Sinne von „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“) aus Veränderungen der sogenannten ökonomischen Basis zu erklären.

Michael Zander ist Mitglied der AG Disability Studies in Deutschland und vertritt derzeit eine Professur im Fach Rehabilitationspsychologie an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Letzte Veröffentlichung: „We care“ – aber wer sind „wir“? Luxemburg, 1/2016, http://www.zeitschrift-luxemburg.de/we-care-aber-wer-sind-wir/    

 

15. Juni 2016: Deutschland alternativlos? Fragen zu AfD, Ideologie und Klassenkampf

Die AfD – alles Nazis? Pöbel aus dem Osten? Dummenfang abgehalfterter West-Politveteranen und gescheiterter Kleinunternehmer? Politischer Arm der Bereitschaftspolizei? Einlösung des antideutschen Versprechens? Der Kater nach dem soundsovielten Sommermärchen? Keine Alternative? Und wozu? Wer ist denn dieser Nationalismus überhaupt? Und wer hat denn überhaupt was dagegen? Gab’s das nicht alles schon mal? Und wo ist eigentlich diese Arbeiterbewegung, wenn sie mal gebraucht wird? Bei denen? Oder fragt die sich, wo wir bleiben?

Als Vor-Ort-Beobachter in Sachsen-Anhalt will Autor und Musiker Daniel Kulla („Hass allein genügt nicht mehr“) etwas Unordnung in die Gewißheiten bringen und dazu anregen, die verdammt ernste Lage jenseits von Bekenntnis und innerlinker Konkurrenz wirklich ernst zu nehmen.

Mit Daniel Kulla

 

18. Mai 2016:„Die gefährlichste Frau Amerikas“: Emma Goldman

Vor 75 Jahren, am 14. Mai 1940, starb Emma Goldman und hinterließ ihren einmaligen Reichtum an gelebter Erfahrung und Theorie. Nicht bloß als Zuschauerin, sondern als scharfe Beobachterin und kämpferische Anarchistin bewegte Goldman sich in einer Zeit, als Europa, Asien und Amerika von Wellen der Revolution und Reaktion erschüttert wurden. Ihr Leben zwischen diesen Zentren war immer wieder eines auf der Flucht: vor antisemitischen Pogromen, vor politischer Verfolgung und staatlichem Terror. Die Erfahrungen in den Kämpfen der US-Amerikanischen TextilarbeiterInnen brachten Goldman zu ihren Vorstellungen vom freiheitlichen Sozialismus, und entsprechend wurde sie zur bekannten Aktivistin und Agitatorin der ArbeiterInnenbewegung. Dies brachte ihr sowohl eine große Anhängerschaft als auch Repression ein, was zu mehreren Gefängnisaufenthalten führte. Später verlagerte Goldman ihren Schwerpunkt auf andere Kampffelder. Ihre Positionen zu Militarismus, Nationalismus, Religion, Feminismus und Familie sind bis heute herausfordernd und eigenständig. Befreiende Momente suchte sie nicht in Parteien und auch nicht in der Masse, sondern im kreativen Potential, das erst noch von den gemeinschaftlich handelnden Individuen zu erschaffen ist.

Ihre provozierenden Thesen werden vorgestellt, im Zusammenhang mit Goldmans Biographie. Denn ihr Leben folgte dem von ihr selbst formulierten Grundsatz, „dass die Wahrheit, wenn sie einmal erkannt wurde, auch gelebt werden muss und ihr Wesen nicht nur theoretisiert werden darf“.

Mit Rudolf Mühland

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 58 Minuten, 13 MB)

 

20. April 2016: Religionskritik als Entzifferung menschlicher Projektionen

Das Zeitalter der „Aufklärung“ ist längst Geschichte, und doch sind die „Fundamentalisten“ in den „Weltreligionen“ auf dem Vormarsch. Wenn auch die Masse der Gläubigen der großen Weltreligionen nicht mehr allzu viel glaubt, entwickelt eine Vielzahl von Menschen doch religiöse oder spirituelle Bedürfnisse und lebt sie verschiedenartig aus. Mit dem deutschen Philosophen und Hegel-Schüler Ludwig Feuerbach kam es zu einer wichtigen Änderung in den religionskritischen Argumentationsmustern. Es ging von da an nicht mehr um die Wahrheit oder Unwahrheit von Offenbarungen oder Dogmen, sondern um die Entzifferung ihres menschlichen Sinns. Marx hat diese neue Religionskritik umgemünzt in die Kritik einer unmenschlichen gesellschaftlichen Wirklichkeit, Freud hat sie aufgegriffen für die Heilung seelischer Leiden.

Das Eintreten für die konsequente Trennung von Kirche und Staat und für säkulare politische Institutionen ist nur die halbe Miete. Indirekt und unbewusst ist religiöses Bewusstsein immer auch der Protest gegen eine unmenschliche gesellschaftliche Wirklichkeit. Darum stellt sich die Frage, wie dieses Potenzial in einem emanzipatorischen Sinne mobilisiert und gegen dem Faschismus vergleichbare irrationale und unmenschliche Ideologien gewendet werden kann.

Manuel Kellner hat in seiner Einführung in die „Kritik der Religion und Esoterik. Außer sich sein und zu sich kommen“ (in der theorie.org-Reihe des Schmetterling Verlags) diese Frage gestellt. Er wird mit uns darüber diskutieren und einleitend zeigen, woran die religionskritischen Ansätze kranken, die hinter Feuerbach, Marx und Freud zurückfallen.

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 50 Minuten, 12 MB)

 

16. März 2016: Zauberei und Herrschaft – Zur Ideologie der Harry Potter-Romane

Rowlings Heptalogie, die davon erzählt, wie der Waisenjunge Harry erfährt, dass er ein Zauberer ist, in das magische Internat Hogwarts aufgenommen wird und mit seinen FreundInnen gegen den Mörder seiner Eltern kämpft, hat sich als beispielloser Kassenschlager erwiesen. Nicht wenige LeserInnen der ersten Generation, die gleichzeitig mit der Hauptfigur während der Veröffentlichungen zwischen 1997 und 2007 von Band zu Band grob ein Jahr älter geworden sind, verwenden Formulierungen wie die, sie seien “mit Harry Potter aufgewachsen”, die Reihe habe sie durch ihre Kindheit und Jugend “begleitet” und sie “geprägt”. Die Harry Potter Reihe ist somit Bestandteil der Initiation in Kultur und an ihrem Erfolg kann ein Stück weit der Zeitgeist abgelesen werden.

Was wird da eigentlich so enthusiastisch gelesen? Welche Ideologien enthält dieses Artefakt der Kulturindustrie? In welchem Verhältnis stehen affirmative und kritische, reaktionäre, konservative und emanzipatorische Aspekte der Erzählung?

Basierend auf einer ideologiekritischen Analyse aus Perspektive der Kritischen Theorie Theodor W. Adornos wird in diesem Vortrag der Fokus auf die ideologischen Spannungen der Widersprüche der Erzählung gerichtet und der Frage nachgegangen, inwiefern diese Romane in ihrer spezifischen ästhetischen Formensprache reale gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse bestätigen, rechtfertigen, verschleiern, in Frage stellen.

Mit Melanie Babenhauserheide

 

17. Februar 2016: Antifeminismus als Scharnier zwischen extremer Rechter, Konservatismus und bürgerlichem Mainstream

In diesem Vortrag wird der organisierte Antifeminismus unter die Lupe genommen. Denn im Kampf gegen einen angeblichen „Genderismus“ oder eine befürchtete „Frühsexualisierung“ sind Allianzen entstanden, die vom konservativen Feuilleton über christlich-fundamentalistische Gruppierungen und die AfD bis zur Neonazi-Szene reichen.

Mit Christiane Ritter (Antifaschistisches Bildungsforum Rheinland)

20. Januar 2016: Der Genozid an den Herero und Nama

Gegen die koloniale Eroberung des südwestlichen Afrikas durch die Deutschen ab 1883 setzten sich die Herero und zeitweise auch die Nama besonders entschlossen zur Wehr. Vor 111 Jahren erließ die kaiserliche Kolonialarmee im damaligen „Deutsch-Südwestafrika“ den Vernichtungsbefehl gegen die He…rero. Nach der Schlacht am Waterberg 1904 wurden die Herero in die Omaheke-Steppe getrieben, wo viele von ihnen verdursteten. Die Überlebenden mussten ebenso wie gefangene Nama in – bereits damals so benannten – Konzentrationslagern Zwangsarbeit leisten; ein großer Teil von ihnen starb an Hunger und Krankheiten. Im verbleibenden Jahrzehnt deutscher Kolonialherrschaft wurden jene, die mit dem Leben davon kamen, enteignet, in Reservate gesperrt, vergewaltigt und zur Arbeit gezwungen. Deutsche Unternehmen und Farmen konnten die versklavten Menschen für ihre Arbeitseinsätze in Minen, auf Weiden und an Eisenbahnlinien „bestellen“. Zu den Opfern gehörten auch Angehörige der Damara und San. Nach Schätzungen von Experten sind 80 Prozent der Herero und die Hälfte der Nama dem Völkermord zum Opfer gefallen, also etwa 90 000 Menschen.

Im Sommer 2015 dieses Jahres benannte Bundestagspräsident Norbert Lammert die Massaker erstmals als „Völkermord“ und auch die Bundesregierung spricht, wenn auch noch nicht ganz unumwunden, von Völkermord. Die Nachfahren der Opfer erwarten eine offizielle Entschuldigung, die Rückgabe aller geraubten Gebeine und ihre sofortige Einbeziehung in die deutsch-namibischen Versöhnungsgespräche.

Die reichsdeutsche Kolonialzeit dauerte von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg. Die Eroberung von außer-europäischen Gebieten und die Versklavung von Menschen reichen jedoch noch weiter zurück als in die scheinbar kurze Periode während der Kaiserzeit. Kaufleute und Reedereien haben viel Geld mit Palmöl, Schnaps und Baumwolle verdient. Spuren der in Deutschland verdrängten Kolonialvergangenheit lassen sich noch heute finden – in den Museen, Straßen, Köpfen und Schulbüchern. Nicht selten wird diese Epoche romantisch verklärt und die koloniale Gewalt verdrängt. Der Vortrag beleuchtet auch diese Aspekte in einem kurzen Überblick und fragt nach Deutschlands Umgang mit seiner Kolonialvergangenheit.

mit Anke Schwarzer, Journalistin

 

16. Dezember 2015: Kampf um Kobanê – Kampf um die Zukunft des Nahen Ostens

Der Kampf um Kobanê und Rojava ist eine zentrale Auseinandersetzung im Nahen und Mittleren Osten, in der alle relevanten Akteure in der einen oder anderen Weise involviert waren. Kobanê wird weiterhin die politischen Ereignisse in der Region prägen – sowohl die Beziehungen zwischen der Türkei und der PKK als auch den Bürgerkrieg in Syrien. Der Konflikt bietet Anlass, zentrale linke Auseinandersetzungen neu aufzugreifen – wie etwa die Frage nach Gewalt als Mittel der Politik und nach dem Entwurf einer neuen Gesellschaftsordnung. Anders gesagt: Lässt sich eine Revolution durch Krieg verteidigen oder ist eine militärische Auseinandersetzung der Tod für jegliches emanzipatorisches Projekt?

Mit Ismail Küpeli

18. November 2015: „dabei geblieben“ – Aktivist_innen erzählen vom Älterwerden und Weiterkämpfen

Seit Jahrzehnten ist die Linke in Deutschland vornehmlich eine Jugendbewegung. Spätestens Anfang 30 steigen die meisten aus. Was aber ist mit denen, die »dabei geblieben« sind? In knapp 30 Interviews geht Rehzi Malzahn der Frage auf den Grund, was diejenigen Aktivis_innen bewegt, die auch mit Mitte 40, 50, 60 noch auf die Straße gehen, Aktionen planen oder auf vielen anderen Wegen ihre radikale Kritik an den Verhältnissen ausdrücken.

Die Interviewten gehören verschiedenen linken Bewegungen an. Sie blicken auf ihr Leben und erzählen, wie alles angefangen hat, woran sie verzweifelt sind, was sie ermutigt oder wie sie mit Frust umgehen. Sind Job und Familie wirklich Gründe, um den Einsatz für eine radikal andere, bessere Welt aufzugeben – oder sind das nur vorgeschobene Gründe an einem Punkt, wo man von vielen Fragen nicht mehr berührt wird? Ein Destillat ihrer Erkenntnisse aus den Gesprächen gibt die Autorin den Leser_innen in der Einleitung mit auf den Weg.

Ein Buch für alle Generationen und Lebenswege: Wer auch noch ›dabei ist‹, liest, wie es den Anderen damit geht. Wer ausgestiegen ist, erfährt etwas über das Leben, für das er_sie sich nicht entschieden hat. Wer ›dabei bleiben‹ will, findet Anregungen dazu. Wer Pause macht, kann über die Bedingungen des Aktivseins reflektieren, und wer nie ›dabei war‹, bekommt einen Einblick in das Leben derjenigen, für die der Kampf um eine bessere Welt eng mit dem eigenen Dasein verknüpft ist.

21. Oktober 2015: Umgang mit Repression

Ein Vortrag zu den Themen Datensicherheit und – Vermeidung, Aktionsvorbereitung, und das Verhalten, wenn`s die Staatsanwaltschaft und Polizei aktiv wird.
In letzter Zeit kam es wieder vermehrt zu Aktionen, bei denen die Polizei eingriff. Dabei waren mit Blockaden von Abschiebungen und Besetzungen von Geschäftsräumen eher untypische Aktionsformen dabei, die auch über das Ordnungsrecht bei Versammlungen weit hinaus geht. Wir werden neben dem Verhalten gegenüber den Repressionsorganen auch auf die für solche Aktionen speziellen rechtlichen Hintergründe aufklären und auch nochmal die Standards von einer sicheren politischen Gruppenarbeit thematisieren.

 

16. September 2015: Genderbashing. Diskriminierung und Gewalt an den Grenzen der Zweigeschlechtlichkeit

Neue‹ Existenzweisen der Geschlechter wie z.B. Transgender, Intersexuelle, Transsexuelle und Crossdresser*innen sind längst Alltag. Was bedeutet es, wenn geschlechtlich nonkonforme Personen von massiven Gewalt- und Diskriminierungswiderfahrnissen berichten, die gesellschaftlich unbekannt und/oder nicht anerkannt werden?
Die vorliegende Studie befasst sich mit dieser Leerstelle der Gewaltforschung. Geschlechtlich nonkonforme Personen, die sich selbst beispielsweise als ›Transgender‹, ›Interqueer‹, ›Queerer Transboy‹, ›Lesbian Boy‹, ›Transfrau‹, ›Transmann‹ oder ›Butch‹ verorten, berichteten in 18 qualitativen Interviews und in einer Gruppendiskussion von ihren Gewalt- und Diskriminierungswiderfahrnissen.

Mit Ines Pohlkamp

19. August 2015: Kritik des Antiamerikanismus: Hass, Neid, Wahn – Antiamerikanismus in den deutschen Medien

Wildwestgebaren, Raubtierkapitalismus, Hollywoodschund – die Klage über vermeintlich typisch amerikanische Zustände ist in Deutschland verbreitet. Tobias Jaecker fragt nach den Ursachen, der Funktionsweise und den Auswirkungen des Antiamerikanismus. Er untersucht dazu mediale Kontroversen aus Politik, Wirtschaft und Kultur: von 9/11 über Obama bis zur Finanzkrise. Im Mittelpunkt der Analysen stehen die alltäglichen stereotypen Bilder, die in Zeitungsartikeln, Filmen und Popsongs, aber auch auf Zeitschriftencovern und in Karikaturen zum Vorschein kommen. Das Ergebnis führt eindringlich vor Augen, dass der Antiamerikanismus im 21. Jahrhundert als Welterklärungsmuster dient, um gesellschaftliche Umbrüche und Missstände scheinbar schlüssig zu deuten. Er kann sich so zu einer gefährlichen Ideologie verdichten.

Mit Tobias Jäcker

15. Juli 2015: Graffiti & Street Art als eine Form der Aneignung des öffentlichen Raumes

Wie werden Konflikte um den öffentlichen Raum in diesem kommuniziert? Welche Strategien der Raumaneignung verfolgen Protestbewegungen? Wie positionieren sich KünstlerInnen und GestalterInnen in der Stadtpolitik?

In vielen westlichen Metropolen bestimmen seit einigen Jahren Themen wie die Privatisierung öffentlicher Flächen, explosionsartig steigende Mieten, Prozesse der Verdrängung aus der Innenstadt und die Forderung nach Partizipation die politische Tagesordnung.

Was hat städtisches Gärtnern mit dem Aufstand illegalisierter MigrantInnen zu tun? Urban Art und Spruch – Graffiti, MediaSpree, Kotti und Co, Wilde Plakate, Kampf gegen Werbung, MietProteste, Name-Writing und Hausbesetzer-Bewegung… Am Beispiel Berlins werden aktuelle stadtpolitische Protestbewegungen vorgestellt, die auf unterschiedliche Art und Weise ein „Recht auf Stadt“ einfordern. Erklärt werden die Strategien der Raumaneignung dieser Bewegungen und untersucht, welche Rolle Kunst, Gestaltung und Kartographie darin spielen. Ein Fokus liegt in diesem Vortrag auf Graffiti/Street Art im Kontext der Auseinandersetzungen um die Stadtentwicklung Berlins.

Pappsatt ist ein Kunst- und Medien – Kollektiv, das an der Schnittstelle zwischen linker (Stadt-)Politik und Gestaltung arbeitet. Es ist Teil des Urban Art Netzwerks „Reclaim Your City“ und Mitbetreiber der gleichnamigen Website www.reclaimyourcity.net. Das Kollektiv agiert im Kontext der künstlerischen und politischen Initiativen, die eine Stadt für alle fordern und aufbauen.

 

17. Juni 2015: Die Identitäre Bewegung – Ein Überblick

Im Herbst 2012 tauchte mit der Identitären Bewegung (IB) in Deutschland eine neue extrem rechte Gruppierung auf. Die IB inszeniert sich als aktionistische ‚Jugendbewegung‘ und machte bisher durch kleinere flashmobartige Aktionen, Plakate oder Aufkleber, vor allem aber durch ihre Selbstdarstellung im Internet auf sich aufmerksam. Nicht links und nicht rechts, sondern eben ‚identitär‘ wolle man laut eigener Aussage sein, von ‚klassischen‘, neonazistischen Gruppierungen möchte sich die IB durch ihr Auftreten und ihre Argumentation abheben. Dass diese vorgebliche Distanzierung von extrem rechter Ideologie wenig überzeugend ist, legt ein Blick auf die vermittelten Inhalte offen. Die Identitären transportieren völkische und rassistische Gesellschaftsvorstellungen und orientieren sich dabei maßgeblich an der Ideenwelt und den Strategien der sogenannten ‚Neuen Rechten‘. Sie beziehen sich affirmativ auf das Konzept des ‚Ethnolpuralismus‘ und auf die durch die ‚Neue Rechte‘ proklamierte Strategie der ‚Metapolitik‘, die das Ziel einer Diskursbeeinflussung von rechts verfolgt. Entsprechend wohlwollend wurde die IB seit ihrem Auftauchen auch von einschlägigen Akteur_innen des neurechten Spektrums rezipiert.

Den Anspruch, die Dynamik einer rechten ‚Jugendbewegung‘ zu entwickeln, hat die Identitäre Bewegung ganz offensichtlich verfehlt. Von Anfang an ist sie weit weniger auf der Straße als vielmehr im Internet präsent gewesen, auch organisatorische Umstrukturierungen der Identitären im letzten Jahr haben an diesem Umstand wenig verändert. Verschwunden oder in Auflösung befindlich erscheint die Gruppierung deshalb allerdings nicht. So trat die Identitäre Bewegung im Zusammenhang mit Pegida-Demonstrationen in Erscheinung, Anfang April war sie als eigener Block bei einem Aufmarsch der ‚Patriotischen Europäer‘ in Dresden mit dabei. Diese durchaus gegenseitige Nähe zwischen IB und Pegida-Spektrum verwundert nicht, verschreiben sich die Identitären doch der Verteidigung der ‚europäischen‘ bzw. ‚deutschen‘ ‚Identität‘ gegen eine vermeintliche Islamisierung. Auch zwischen IB und Teilen der (Jungen) AfD fallen inhaltlichen Übereinstimmungen und personellen Überschneidungen auf.

Im Vortrag wird vor allem ein genauerer Blick auf die Netzwerke sowie die Ideenwelt der ‚Neuen Rechten‘ geworfen, welche die Identitäre Bewegung für sich übernimmt, zeitgemäß ‚verpackt‘ und so für eine junge, aktionsorientierte Zielgruppe aufbereitet. Es sollen nicht einfach die Strukturen oder Aktionen der IB abgehandelt werden, interessanter erscheint es, die IB als Beispiel für Modernisierungstendenzen in der extremen Rechten zu betrachten.

Die Referentin Laura Heinsbach ist bei der Antifaschistischen Bildungsinitiative Münsterland (ABM) aktiv.

20. Mai 2015: Ursache und Struktur der PEGIDA-Proteste — „Wir sind nicht rechts, aber…“

Seit Ende Oktober 2014 demonstrieren in Dresden jeden Montag mehrere tausend Menschen gegen eine „Islamisierung Deutschlands“. Dabei geben sie an, weder rechts, noch links zu sein, stattdessen die „schweigende Masse“ zu repräsentieren, die sich gegen „die Politik da oben“ wehre. Pegida expandierte in den kommenden Monaten, hatte jedoch in anderen Städten nicht den Erfolg wie in Dresden. In der Presse bereits als ein gescheitertes Projekt beurteilt, sieht sich Pegida weiterhin als außerparlamentarische Opposition, die nun auch das Oberbürgermeisteramt der Stadt Dresden anstrebt. Der Vortrag will die Strukturen und Ursachen und Pegida verdeutlichen sowie deren Entwicklung skizzieren.

Mit Mark Haarfeld

15. April 2015: Antifaschistische Aktion – Geschichte einer linksradikalen Bewegung

Heute sind die Doppelfahnen der »Antifaschistischen Aktion« das am häufigsten genutzte Symbol der linken Szene. Auch unter »Antifa« kann sich wohl jede_r etwas vorstellen. Schwarzer Block gleich Antifa; so vermitteln es zumindest die Medien in falscher Verkürzung. Denn die Geschichte dieser Bewegung reicht weit zurück und ist keineswegs auf Militanz zu reduzieren.

Antifaschismus wurde in Deutschland Anfang der 1920er Jahre als polemischer Kampfbegriff durch die KPD eingeführt. Verstanden wurde darunter Antikapitalismus. Erst Anfang der 1930er Jahre rückte der Kampf gegen die Nationalsozialisten mehr und mehr in den Fokus. 1932 mündete diese Entwicklung in der Gründung der Antifaschistischen Aktion.

In der BRD griffen kommunistische Gruppen in den 1970er Jahren das Emblem wieder auf. Später, von Autonomen übernommen und neu gestaltet, wurde es zum Zeichen der heutigen Antifa. Undogmatisch, radikal und systemkritisch ist Antifaschismus also von jeher viel mehr als nur ein Kampf gegen Nazis.

Dieses Buch liefert den ersten umfassenden Überblick über die Entwicklung der Antifa. Ein Grundlagenwerk für Aktivist_innen und all diejenigen, die erfahren wollen, in welcher Tradition Antifaschismus in Deutschland steht.

Mit Autor Bernd Langer

 

18. März 2015: Schule im Kapitalismus und das Missverständnis über die Chancengleichheit

Dass es in der Schule an Chancengleichheit fehlt, behauptet noch jede Schulkritik. Ge­meint ist damit, dass Kinder aus den unteren Klassen und Schichten der Gesellschaft ge­ringere Chancen haben, sich in der Schule bis zum Studium vor zu arbeiten.

Sachlich trifft das zu: Doch was hat das mit dem Unterrichtsverfahren des chancenglei­chen Leistungsvergleichs zu tun? Das steht allein für die schulische Unvernunft, das Ler­nen als vergleichendes Leistungslernen, also als Konkurrenzveranstaltung zwischen allen Schülern einer Klasse oder eines Jahrgangs zu veranstalten, dabei alle unter die gleichen schulischen Bedingungen zu setzen – und zwar rücksichtslos gegenüber all dem, was Schüler aufgrund der Erziehung im Elternhaus bereits wissen, können und zu leisten im­stande sind. Dies deswegen, weil es der Schule im Kapitalismus darauf ankommt, in ei­nem großen Bildungstest die Leistungsstärksten des Nachwuchses zu ermitteln und zwar ganz unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Herkunft. Den Siegern werden später ge­sellschaftliche Führungsaufgaben anvertraut. Die Verlierer dürfen sich dann in den unte­ren Lohngruppen tummeln. Die Bildungspolitik hat deswegen das alte Ständeschulwesen durch die demokratische Leistungsschule ersetzt, die sich seit langem in doppelter Hin­sicht als Klassenschule erweist: Zum einen, weil sie den Nachwuchs auf die Jobs der Klassengesellschaft verteilt, zum anderen weil sich über das leistungsorientierte Vertei­lungsprinzip der Schulkonkurrenz die Klassenlage der Schüler – mit Ausnahmen – repro­duziert.

Mit angeborener Begabung hat das nichts zu tun. Auch mit Wirkungen von Sozialisation ist das nicht zu erklären. Würde man jedem Schüler und jeder Schülerin zum Lernen des Unterrichtsstoffes soviel Zeit, dazu die Mittel und Hilfestellungen einräumen, die sie je­weils benötigen, dann hätte sich die Sache mit der Chancengleichheit erledigt. Zur Aneig­nung von Wissen und Kenntnissen braucht es nämlich keine Chancen und schon gar kei­ne gleichen Chancen. Die stören nur. Dafür braucht es nur Umstände, die den individuel­len Bedingungen der Lernenden entsprechen. Aber die richtet das Schulwesen gerade nicht ein. Warum eigentlich nicht?

Mit Prof. Dr. Freerk Huisken

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 52 Minuten, 12 MB)

 

18. Februar 2015: Obdachlosenhass und Sozialdarwinismus

Obdachlose sind die vergessenen Opfer der Gesellschaft. Sie werden von Staat und Gesellschaft ausgegrenzt und auf der Straße angegriffen. Rechte Täter_innen praktizieren gegen sie einen Sozialdarwinismus der Tat, der durch einen Sozialdarwinismus des Wortes vorbereitet wird.

Nach Angaben des Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) wurden von 1989 bis 2011 mindestens 167 wohnungslose Menschen von Täter_innen außerhalb der Wohnungslosenszene getötet. Die Dunkelziffer ist wahrscheinlich sehr viel höher, da der BAGW sich auf eine systematische Presse-Auswertung stützt, es aber Fälle geben dürfte, die es nicht einmal zum Dreizeiler im Lokalteil schafften. Natürlich ist unklar, welche Motive im Einzelnen eine Rolle bei den 167 Morden spielten, aber obdachlos lebende Menschen sind eindeutig oft Objekt eines besonders ausgeprägten Hasses.

Obdachlosenfeindlichkeit ist eine Ausprägung von manifestem und latentem Sozialdarwinismus bzw. Sozialchauvinismus. Dieser Sozialdarwinismus richtet sich gegen die vermeintlichen Verlierer_innen der Konkurrenz- bzw. Leistungsgesellschaft, die in der Markthierarchie der ökonomischen Nützlichkeit ganz weit unten angesiedelt sind. Befeuert und biologisiert werden sozialdarwinistische Diskurse durch Vererbungs- und Überlegenheitstheorien wie die von Thilo Sarrazin. Der Vortrag untersucht die Gewalt gegen obdachlose Menschen in ihrer unterschiedlichen Form und will deren Ursachen benennen.

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 90 Minuten, 21 MB)

 

21. Januar 2015: Die deutsche Linke und der lange Schatten des Stalinismus

Glaubt man den neoliberalen und neokonservativen Meinungsführern, sind Freiheit und Sozialismus nicht zu vereinen. Doch auch auf der Linken findet diese Sichtweise wieder zunehmend Anhänger. In der Beschönigung und geschichtsphilosophischen Rechtfertigung seiner Taten findet der historische Stalinismus zurzeit eine politisch-theoretische Auferstehung, das hat Christoph Jünke in seinem Buch “Der lange Schatten des Stalinismus” (Köln 2007) und anderen Aufsätzen verdeutlicht. In seinem Vortrag zeigt er am Beispiel neuerer Auseinandersetzungen um die Arbeiten von Luciano Canfora und Domenico Losurdo die Fallstricke eines unaufgeklärten linken Diskurses auf, der die vorherrschende Demokratiemündigkeit großer Teile der Gesellschaft für eine ideologische Offensive philo- und neostalinistischer Postionen nutzt, und so die politische und programmatische Erneuerung der Linken nachhaltig blockiert. Warum aber will diese Vergangenheit eigentlich nicht vergehen? Wie kann man die philo- und neostalinistischen Tendenzen verstehen und wie sollten heutige Linke mit ihnen umgehen?

Referent: Christoph Jünke lebt und arbeitet als Historiker und Publizist in Bochum. Er ist Vorsitzender der Leo Kofler-Gesellschaft e.V. und Autor von “Der lange Schatten des Stalinismus. Sozialismus und Demokratie gestern und heute” (Köln: Neuer ISP-Verlag 2007). Zuletzt erschienen von ihm „Streifzüge durch das rote 20.Jahrhundert“ (Hamburg: Laika-Verlag 2014).

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 58 Minuten, 13 MB)

 

17. Dezember 2014: Das Kalifat der Albträume

Den Nahen Osten verstehen: Assad, der „Islamische Staat“, die Kurden und der Rest.
Ein ungemütlicher Crashkurs.

Was passiert gerade zwischen Euphrat und Tigris? Ist Kobane 2014 das Madrid von 1937? Warum schneidet der „Islamische Staat“ öffentlich Hälse durch? Wieso hat das etwas mit dem „Arabischen Frühling“ zu tun und weshalb haben jetzt alle so eine Angst vor diesem „Islamischen Staat“? Hat er wirklich die Sklaverei wieder eingeführt? Und wer bombt gerade gegen wen?

Der Referent Oliver M. Piecha ist Historiker, er schreibt regelmäßig über den Nahen Osten u.a. in der Berliner Wochenzeitung „Jungle World“, ist Mitbegründer der deutsch-irakischen Hilfsorganisation WADI und Mitarbeiter einer Kampagne gegen weibliche Genitalverstümmelung im Nahen Osten.

 

19. November 2014: Der Aufstand jüdischer Gefangener im NS-Vernichtungslager Sobibór

In Sobibór, einem nationalsozialistischen Vernichtungslager im südöstlichen Polen, wurden zwischen Mai 1942 und Oktober 1943 mindestens 170.000 Jüd_innen ermordet. In der überwältigenden Mehrheit waren es Jüd_innen aus Polen, Holland, Belarus, Russland, der Ukraine und der Slowakei. Sobibór war ein reines Vernichtungslager, die Menschen wurden nach ihrer Ankunft direkt in die Gaskammer geführt. Lediglich 550-600 Jüd_innen wurden für Arbeiten im Lager und rund um den Vernichtungsvorgang selektiert.

Am 14. Oktober 1943 kam es zu einem geplanten Aufstand innerhalb des Vernichtungslagers, bei dem mit zwei Ausnahmen alle im Lager anwesenden SS-Offiziere getötet wurden und ca. 300 Häftlinge aus dem Lager fliehen konnten. Die meisten kamen im rund um das Lager angelegten Minengürtel ums Leben, wurden bei folgenden Razzien der Deutschen gefasst, von der einheimische Bevölkerung denunziert oder von polnischen oder ukrainischen nationalistischen Partisan_innen ermordet. Etwa 60 Aufständische erlebten jedoch das Ende des Kriegs. Der Aufstand der Jüd_innen in Sobibór ist eines der eindringlichsten Beispiele gegen die These, Jüd_innen hätten sich wie Lämmer zur Schlachtbank führen lassen.

Im Rahmen der Veranstaltung geht die Autorin Franziska Bruder den Fragen nach, wer die Akteur_innen des Aufstands waren: Woher kamen sie? Verfügten sie über politische, organisatorische oder konspirative Erfahrungen? Wie sahen solidarische Strukturen und Handlungen im Lager aus? Franziska Bruder wird dazu aus den Überlebendenberichten lesen und Ausschnitte aus dem filmischen Interview Claude Lanzmanns mit Jehuda Lerner zeigen, der sich als 17-Jähriger aktiv am Aufstand beteiligte.

 

15. Oktober 2014: Antisemitismus und Israelfeindschaft in islamischen Communities

Antisemitische und israelfeindliche Einstellungen sind in Deutschland nach wie vor weit verbreitet. Das gilt nicht zuletzt auch für die hier lebenden Musliminnen und Muslime. Giyasettin Sayan beleuchtet in seinem Vortrag die Rolle von Moschee-Gemeinden und islamischen Organisationen bei der Verbreitung von Judenhass insbesondere unter Jugendlichen. Dabei kritisiert er auch die weit verbreitete Ignoranz staatlicher Institutionen gegenüber der Gefahr des islamischen Antisemitismus.

Giyasettin Sayan ist türkisch-kurdischer Herkunft. Er hat die Kurdische Gemeinde Berlin mit gegründet. Von 1995 bis 2010 war er für die Fraktion der Partei DIE LINKE Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und deren migrationspolitischer Sprecher.

 

17. September 2014: Flüchtlinge in Calais und die europäische Flüchtlingspolitik

Es gibt viele Gründe, warum Tag für Tag Menschen aus aller Welt ihre Familien und ihre Heimat verlassen. Sie haben die Hoffnung, sich in Europa ein sicheres Leben und eine menschenwürdige Zukunft zu gestalten. Da Deutschland die politischen Voraussetzungen geschaffen hat, dass nur ein geringer Teil der Migrantinnen und Migranten hier dauerhaft bleiben kann, bekommen wir kaum mit, was in ganz Europa tatsächlich los ist. Ganz offensichtlich wird das in Calais, der französischen Hafenstadt, die nur wenige Kilometer Wasser von England trennt. Hier sammeln sich hunderte von Flüchtlingen auf ihrer langen und gefährlichen Reise. Sie alle wollen nach Großbritannien, weil sie sich dort bessere Bedingungen erhoffen. Flüchtlinge haben in Europa keinen Anspruch auf Bewegungsfreiheit. Sie sind vollkommen rechtlos und auf die Gnade von Behörden angewiesen. In Calais sind sie jeden Tag den willkürlichen Repressionen und brutalen Übergriffen durch Polizeieinheiten ausgesetzt und von Abschiebung bedroht.

Die Organisation „kein mensch ist illegal“ will am Beispiel von Calais die Unmenschlichkeit der europäischen Flüchtlingspolitik aufzeigen, die von Deutschland maßgeblich bestimmt wird.

 

20. August 2014: Krisenjahr 1914 – Die Sozialistische Bewegung und der Erste Weltkrieg

Warum stimmen Linke für den Krieg? Die Grünen taten es 1999 beim Kosovokrieg, die italienischen KommunistInnen zerbrachen an der Abstimmung über den Afghanistaneinsatz, die antideutsche Linke mobilisierte 2003 gegen die deutsche Friedensbewegung und für den Irak-Krieg. Die Voraussetzungen könnten unterschiedlicher nicht sein, doch eins ist gemeinsam: Parteinahme im Krieg der Herrschenden bedeutete immer eine Niederlage für linke Bewegungen, brachte Spaltungen, Hass und Verratsvorwürfe mit sich. Urbild dieser Konflikte ist der 4. August 1914, als Gewerkschaften und Sozialdemokratie in Deutschland durch die Unterstützung des Ersten Weltkrieges von vaterlandslosen Gesellen zu Patrioten wurden.

Gemeinsam mit dem Historiker Ralf Hoffrogge wollen wir uns daher das Jahr 1914 näher anschauen, einen Blick werfen auf den plötzlichen Patriotismus der Linken, aber auch auf die starke Antikriegsbewegung ab 1916, die schließlich in der Novemberrevolution mündete. Danach ist Raum für Diskussionen über Kriege und Antikriegsbewegungen heute

Der Referent Ralf Hoffrogge ist Historiker aus Berlin und Autor der Einführung Sozialismus und Arbeiterbewegung in der Reihe theorie.org sowie der Biographie Richard Müller – der Mann hinter der Novemberrevolution.

 

16. Juli 2014: Gentrifizierung und Recht auf Stadt

Gentrifizierung ist in den letzten Jahren zu einem weitum bekannten Schlagwort für städtische Aufwertungsprozesse geworden. Ganz allgemein gilt aber, dass Städte heute mehr denn je zu zentralen Orten der Kapitalakkumulation und -fixierung geworden sind und sie ökonomisch eine zentrale Rolle einnehmen. Der seit den 1970ern politisch vorangetriebene Prozess der Neoliberalisierung und die damit einhergehende Deregulierung und Flexibilisierung sowie der Rückbau der sozialen Sicherung hat die Kommunalverwaltungen in ein neues Handlungskorsett gezwängt. Lediglich passive Empfänger von Politik „von oben“ sind die Kommunen aber nicht und so gilt es auch die neuen Handlungsmuster städtischer und kommunaler Politiken in den Blick zu nehmen. Kreative Stadt, Aufwertung, Standortmarketing, Sicherheit und Gentrifizierung sind dabei die Schlagworte. Gleichzeitig sind Städte aber auch zu Arenen sozialer Auseinandersetzungen geworden und vielfältige soziale Kämpfen werden in ihnen geführt. Den historischen Pfaden der Neoliberalisierung, was das mit Stadtpolitik, Gentrifizierung, Kreativität und Sicherheit zu tun hat sowie welche Konflikte sich daraus ergeben haben und welche Perspektiven die Parole „Recht auf die Stadt“ bieten kann, soll im Rahmen der Veranstaltung nachgegangen werden.

Der Referent Daniel Mullis promoviert am Frankfurter Institut für Humangeographie. Im März 2014 erschien sein Buch Recht auf die Stadt – Von Selbstverwaltung und radikaler Demokratie im Unrast-Verlag.

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 43 Minuten, 10 MB)

 

18. Juni 2014: Die Grauzone – Rechte Lebenswelten in Punk, Oi und Deutschrock

Immerhin: “Gegen Nazis” sind viele, die sich in Subkulturen oder in der Populärkultur bewegen – Frei.wild-Fans auf der Fußball-Fanmeile oder auch OI-AnhängerInnen, die die Politik sowieso ablehnen. Doch jenseits der White-Power-Rockmusik etablieren sich rechte Lebenswelten, für die die Kategorie “Nazis” genauso wenig zutrifft wie das Label “unpolitisch”. Sie sind irgendwo dazwischen, in der Grauzone. Diese Grauzone reicht weit hinein in “alternative” Szenen und bedeutet einen zunehmenden Raumverlust für linke, emanzipatorische Ideen. Die Veranstaltung wird den folgenden Fragen nachgehen: Wo beginnt die Grauzone, wo hört sie auf? Wieso erlebt sie heute Dynamik? Und was sind eigentliche „rechte Lebenswelten“? Entsprechende Strömungen in Punk und OI sind ebenso Thema wie die Popkultur von Böhse Onkelz und Frei.wild. Zum Einen wird anhand von Beispielen aufgezeigt, wie eng manch „unpolitische? KünstlerInnen aus der Grauzone mit extrem rechten Milieus verwoben sind. Zum Anderen gibt es unappetitliche Einblicke in reaktionäre Männerwelten und spießbürgerliche Rebellionsfantasien.

Der Referent Michael Weiss ist im Antifaschistischen Pressearchiv- und
Bildungszentrum e.V. (apabiz) in Berlin tätig und hat mehrere Bücher zu Lifestyle und Subkulturen der rechten Szene veröffentlicht.

 

21. Mai 2014: Die Entschädigung für NS-Verfolgte als Thema linker Politik. Eine Bilanz der letzten 30 Jahre.

Seit Anfang der 1980er Jahre war der Umgang mit der NS-Vergangenheit ein zentrales Themenfeld linker Politik in der Bundesrepublik. Dies gilt insbesondere für den Streit um Entschädigung für NS-Verfolgte, der damals mit der Diskussion über Sinti und Roma, Homosexuelle, sogenannte „Asoziale“, Zwangsarbeiter und andere „vergessene Opfer“ neu begann. Bis Anfang der 2000er Jahre, als der deutsche Staat und die Privatwirtschaft unter großem Druck Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter und andere NS-Verfolgte leisteten, wurde der Streit um Entschädigung intensiv fortgeführt. Seither ist jedoch ein großer Bedeutungsverlust dieses Themas zu verzeichnen, der nicht nur mit dem viel zitierten „biologischen Ende“ in der Entschädigungsfrage erklärt werden kann. Denn während in Deutschland das offizielle Selbstbild einer erfolgreichen Bewältigung der NS-Vergangenheit Teil der nationalen Identität geworden ist, leben auch heute weltweit noch zehntausende hilfsbedürftige NS-Verfolgte, von denen viele nie deutsche Entschädigungszahlungen erhalten haben.
Der Vortrag will anhand einer Bilanz des Streits um Entschädigung den Wandels des deutschen Umgangs mit der NS-Vergangenheit in den letzten drei Jahrzehnten nachzeichnen. Dabei sollen insbesondere Ziele und Aktionsformen linker Unterstützer der NS-Verfolgten und die Resultate ihres Handels beleuchtet werden, um daran anschließen über die verbleibenden Möglichkeiten und Probleme einer linken Geschichtspolitik in Deutschland zu diskutieren.

Der Referent Henning Borggräfe ist Historiker und Autor des Buches Zwangsarbeiterentschädigung. Vom Streit um ‚vergessene Opfer‘ zur Selbstaussöhnung der Deutschen, das im Mai im Wallstein Verlag erscheint.

 

16. April 2014: Arbeitssituation und Verdrängungsmechanismen von Sexarbeiterinnen in Deutschland

Heike Köttner (Sozialarbeiterin bei Madonna e.V.) berichtet über den Arbeitsalltag von Sexarbeiterinnen, mit Fokus auf das Ruhrgebiet. Mareen Heying (Historikerin, forscht zur Hurenbewegung) referiert über Kämpfe von Sexarbeiterinnen und deren Forderungen. Beide werden auf aktuelle Debatten und Verdrängungsmechanismen eingehen. Im Anschluss besteht ausreichend Zeit zur Diskussion.

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 33 Minuten, 8 MB)

 

19. März 2014: Der Kosovo-Krieg und die deutsche Linke

Nach einem jahrelang andauernden bewaffneten Konflikt um die Unabhängigkeit der serbischen Provinz Kosovo begann die NATO im März 1999 Luftangriffe gegen Ziele in Serbien zu fliegen. Es war dies der erste Angriffskrieg seit 1945, an dem deutsche Soldaten aktiv beteiligt waren. Dieser Krieg sowie die Tatsache, dass ausgerechnet eine rot-grüne Bundesregierung den NATO-Einsatz maßgeblich forcierte und unterstützte, führten vor 15 Jahren innerhalb der deutschen Linken zu massiven Zerwürfnissen. Die Grünen erlebten zu dieser Zeit den größten Mitgliederverlust ihrer Geschichte, doch insgesamt schien die linke und linksliberale Öffentlichkeit mehrheitlich hinter dem NATO-Einsatz und der deutschen Beteiligung am Kosovo-Krieg zu stehen.

Der Referent Martin Budich ist langjähriges Mitglied des Bochumer Friendensplenums und trat 1999 aus Protest gegen den Kosovo-Krieg bei den Grünen aus.

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 63 Minuten, 15 MB)
ARD-Dokumentation „Es begann mit einer Lüge“ auf YouTube

 

19. Februar 2014: Akteure und Strukturen der rechten Szene im Ruhrgebiet

Bereits seit vielen Jahren ist das Ruhrgebiet eine Hochburg der rechten Szene in Westdeutschland. Regelmäßig finden hier Aufmärsche und Kundgebungen rechter Parteien und neonazistischer Kameradschaften statt. Auch gewalttätige Übergriffe, die bis hin zu Morden an politischen Gegnern reichten, hat es in der Vergangenheit gegeben. Im Herbst 2012 reagierte das nordrhein-westfälische Innenministerium schließlich mit einem Verbot mehrerer Neonazi-Kameradschaften auf die anhaltende Gewalt von rechts. Doch was bedeuten diese Verbote für extreme Rechte im Ruhrgebiet konkret und wie hat die Szene seither auf den staatlichen Repressionsdruck reagiert? Diesen und anderen Fragen wird sich das Antirassistische Bildungsforum Rheinland am 19. Februar in seinem Vortrag über Akteure und Strukturen der rechten Szene im Ruhrgebiet widmen.

Der Referent ist Mitglied im Antirassistischen Bildungsforum Rheinland.

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 60 Minuten, 14 MB) 

 

15. Januar 2014: Verschwörungstheorien und Verschwörungsdenken

Konsequente Verschwörungstheorien, wie sie sich derzeit im Internet entfalten, können helfen einzusehen, dass praktisch alle Menschen beständig ihre Interessen verfolgen. Ideologisches Verschwörungsdenken – der Konspirationismus – dient hingegen politischen Gruppen dazu, sich selbst als uneigennützig und interessenfrei darzustellen, den verschwörerischen Feind jedoch der Verfolgung seiner Interessen und damit der Störung einer vermeintlich harmonischen Ordnung zu bezichtigen. Konspirationismus gedeiht am besten als Staatsideologie, wie vor allem an der deutschen Geschichte der vergangenen zwei Jahrhunderte zu zeigen sein wird.

Der Referent Danie Kulla ist Autor des Buches „Entschwörungstheorie – Niemand regiert die Welt“.

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 64 Minuten, 15 MB)

 

18. Dezember 2013: Die Entstehung des Faschismus in Europa

Frank Pfeiffer, Autor des kürzlich im Verlag Edition Assemblage herausgegebenen Buches „Kurze Weltgeschichte des Faschismus“, wird sich in seinem Vortrag mit den historischen Ursprüngen und Anfängen faschistischer Mobilisierung in Europa beschäftigen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den während der 1920er und 1930er Jahre in Italien, Deutschland und Spanien an die Macht gelangten faschistischen Bewegungen. Diese dienten und dienen extrem rechten Zusammenschlüssen und Regimen in einer Vielzahl weiterer Staaten als Vorbild, was am Beispiel Ungarns erläutert werden soll. Die Auseinandersetzung mit den beleuchteten Organisationen und Herrschaftsapparaten erfolgt jeweils unter Skizzierung der geschichtlichen Rahmenbedingungen ihrer Entstehung, um die Herausarbeitung nationenspezifischer Faktoren wie grenzübergreifender Muster zu erleichtern. Der Vortrag schließt mit einem Brückenschlag in die Gegenwart sowie einem kurzen Ausblick auf etwaige Zukunftsszenarien faschistischer Bedrohung.

Der Referent Frank Pfeiffer ist Autor des Buches „Kurze Weltgeschichte des Faschismus“, das vor kurzem im Verlag Edition Assemblage erschienen ist.

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 143 Minuten, 24 MB)
Der Vortrag endet relativ abrupt. Der angekündigte Part zur ungarischen Pfeilkreuzler-Bewegung wurde aus Zeitgründen ausgelassen.

 

20. November 2013: Feministische Perspektiven antifaschistischer Politik

Feministische Antifa oder Frauen-Antifa Gruppen entstanden in den frühen 1990er Jahren, meist als Reaktion auf einen fortgesetzten Sexismus in männlich dominierten Antifa-Zusammenhängen. Heute gibt es nur noch wenige solcher Fantifa-Gruppen und auch in der antifaschistischen „Geschichtsschreibung“ spielen sie kaum eine Rolle.
Das Buch „Fantifa. Feministische Perspektiven antifaschistischer Politik“ will das ändern. Es geht den Spuren nach, lässt Aktivistinnen zu Wort kommen, beleuchtet aktuelle feministische Antifa-Arbeit, erläutert inhaltliche Schwerpunkte, fragt nach, was aus Fantifa-Gruppen wurde, eröffnet einen Blick auf die Möglichkeiten männlicher antisexistischer Handlungsräume und diskutiert die fortgesetzte Notwendigkeit feministischer Perspektiven in antifaschistischer Politik.
Interviews mit Aktivistinnen werden ausführlich durch das Herausgeber_innenkollektiv eingeführt und durch Originaldokumente illustriert. Die vergangenen und aktuellen Debatten um Feminismus, Antisexismus und Antifaschismus sollen so zusammengebracht werden.

Die Referentin ist Ko-Autorin des Buchs „Fantifa: Feministische Perspektiven antifaschistischer Politiken“

 

16. Oktober 2013: 20 Jahre Asylrechtsänderung und Solinger Brandanschlag

Am 26. Mai 1993 beschloss der Bundestag mit den Stimmen von Union, SPD und FDP eine Verfassungsänderung, die weitreichende Folgen für die Flüchtlings- und Asylpolitik der Bundesrepublik Deutschland hatte. Erklärtes Ziel der Gesetzesänderung war es, die Zahl der Asylgesuche drastisch zu reduzieren. Nur drei Tage später, am 29. Mai, verübten Neonazis in Solingen eine der schwersten fremdenfeindlichen Gewalttaten der deutschen Nachkriegsgeschichte. Bei einem Brandanschlag auf ein von türkischstämmigen Familien bewohntes Haus kamen fünf Menschen im Alter von vier bis 27 Jahren ums Leben. Ausgehend von diesen beiden Ereignissen berichtet der Referent über die rassistische und fremdenfeindliche Stimmung im wiedervereinigten Deutschland der 1990er Jahre und die flüchtlingspolitischen Folgen der damaligen Gesetzesänderungen.

Der Referent Heinz Drucks ist Mitglied im Vorstand des Flüchtlingsrats NRW

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 67 Minuten, 15 MB)
Präsentation (PDF, 0,8 MB)

 

18. September 2013: Antiziganismus Aktuell

“Dieses Volk lässt sich in unsere Gesellschaft nicht integrieren!”, “Die stammen aus Inzest und von Tieren ab!” Zwei von X unglaublichen Aussagen, die durch Medien, Politik und Gesellschaft immer wieder verbreitet werden und fatale Folgen haben.
Roma, die größte Minderheit Europas. Mit 18 Millionen größer als manch ein EU-Staat. Wer/ was sind Roma? Warum kommen sie in den Westen? Sind sie Wirtschaftsflüchtlinge, die den Sozialstaat ausnutzen wollen? Werden sie politisch verfolgt? Warum gilt die Genfer Flüchtlingskonvention nicht für Roma? Alltags- und Institutioneller Rassismus, Medienhetze und Abschiebung sind fester Bestandteil des Lebens für die meisten Roma. Der Vortrag “Antiziganismus Aktuell” gibt die Möglichkeit mit, statt über Roma zu sprechen. Dabei sollen auch die antiziganistischen Diskurse im Ruhrgebiet thematisiert werden. Nach dem Vortrag gibt es Raum für Kommentare, Fragen und Diskussion.

Die Referentin Hasiba Dzemajlji ist Roma Aktivistin und Geflüchtete aus dem ehemaligen Jugoslawien.

 

21. August 2013: Kritik der Extremismustheorie

Der Begriff des „politischen Extremismus“ steht für einen theoretischen Ansatz, der sowohl in der Wissenschaft, als auch in realpolitischen Zusammenhängen immer wieder auf Kritik stößt. Diese Kritik bezieht sich vor allem auf eine mangelnde Differenzierung zwischen linken und rechten politischen Spektren und einer daraus resultierenden faktischen Gleichsetzung dieser. Dementsprechend erscheinen realpolitische Entscheidungen, bei denen Bezüge zur Extremismustheorie deutlich werden, mehr als fragwürdig. Als Beispiel ist hier die so genannte „Extremismusklausel“ zu nennen, dessen Ziel es sein soll „eine Unterstützung extremistischer Strukturen“ mit öffentlichen Geldern zu verhindern.

Um der politischen Intention dieser und ähnlicher Entscheidungen auf den Grund gehen zu können, bedarf es einer genaueren Betrachtung der theoretischen Grundlagen des Extremismusbegriffs und seiner Bezüge zur Totalitarismustheorie. Dass der Begriff des „politischen Extremismus“ in der Kritik steht, wird nach der Analyse beider Modelle nicht mehr verwundern. Dies hält den Verfassungsschutz, einige politische Institutionen und Politiker_innen in Deutschland, jedoch nicht davon ab, an dem umstrittenen Extremismusbegriff festzuhalten und weiter mit ihm zu arbeiten.

Der Referent ist Mitglied im Arbeitskreis Extremismusbegriff

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 51 Minuten, 12 MB)

 

17. Juli 2013: Einführung in die Kapitalismuskritik

Kapitalismuskritik gehört zu den Kernthemen linker Gesellschaftskritik. Aber auch wenn es ein grobes Einvernehmen darüber gibt, wie „richtige“ Kritik am Kapitalismus auszusehen hat, beziehungsweise wie sie auf keinen Fall aussehen darf, ist es zwischen all den Debatten gar nicht so einfach, einen Einblick in ihre Grundlagen zubekommen. Der Vortrag versucht daher, einen Ein- und Überblick in die – marxistische – Kapitalismuskritik zu geben und zentrale Fragestellungen anzureißen: Was hat es mit der Universalität der Warenform auf sich? Wieso ist es vielen so wichtig, nicht nur Geld und Zinsen zu kritisieren? Warum hört man immer wieder, Kritik habe materialistisch zu sein?

Der Referent gehört dem Arbeitskreis Rote Ruhr Uni an.

Audio-Mitschnitt des Vortrags (MP3, 44 Minuten, 21 MB)

 

19. Juni 2013: Antifa – Geschichte und Organisierung

Antifa heißt…. – ja wat denn?

Als Ende 2011 heraus kam, dass Nazis als Killerkommando durchs Land ziehen und mindestens 10 Menschen getötet haben, saß der Schock tief. Unsere Reaktion fand getrennt von den Angehörigen der Opfer des NSU statt. Erst die Kampagne Rassismus tötet und ähnliche Ansätze schafften den notwendigen Kontakt zu den Angehörigen.
Warum wussten wir nichts vom NSU und warum haben wir den rassistischen Hintergrund übersehen? Reicht uns da eine Kampagne wie Rassismus tötet?

In einzelnen Städten ist es durch breite Bündnisse wie in Dresden gelungen, Naziaufmärsche zu stoppen und Nazi-Netzwerke zurück zu drängen.
Warum ist es in Dortmund nicht möglich, den jährlich stattfindenden Nazi-Aufmarsch zu verhindern? Und warum funktioniert die Zusammenarbeit vor allem mit den migrantisch geprägten Gruppen so schlecht?

Schröders „Aufstand der Anständigen“ schaffte auch innerhalb der Antifabewegung das trügerische Bild, dass antifaschistischer Kampf von Oben die rechte Gefahr eindämmen würde. Heute wissen wir, dass schon zu dieser Zeit eine rechtsterroristische Struktur bestand, die sich auf die Ideen von Combat 18 und 14 Words bezog.
Haben Verbote von Naziorganisationen und offizielle Lippenbekenntnisse für uns eine Relevanz?

Erschreckend, aber im Rückblick keinesfalls verwunderlich, ist, dass der neonazistische Hintergrund eines der brutalsten Mord/Brandanschläge auf Flüchtlinge 1996 in Lübeck von Staat, Justiz, Polizei, Geheimdienst, Politik und Medien vertuscht wurde. Antirassistische Gruppen versuchten über Jahre hinweg dem etwas entgegenzusetzen.
Wie verschaffen wir uns einen größeren Einfluss auf die öffentliche Meinung?

Dies und mehr soll in der Veranstaltung diskutiert werden.

Geschichte wird gemacht, es geht voran?

Der Referent ist Mitglied der Antifa Bonn/Rhein-Sieg.

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